“Kranführerinnen waren jetzt out”

“Kunststudenten sind wahrscheinlich immer ein eher widerspenstiger, revolutionärer Haufen”, sagt Anke Domscheit-Berg rückblickend. In der Zeit der friedlichen Revolution tippte die angehende Künstlerin Aufrufe des Neuen Forum und schrieb Eingaben an das DDR Postministerium. Als die Mauer fiel, tanzte die Studentin gemeinsam mit hunderten Menschen auf der Mauer am Branderburger Tor und träumte von einer Gesellschaft, in der alle gleiche Chancen haben. Heute arbeitet die 42-Jährige als Director Government Relations bei Microsoft Deutschland in Berlin und engagiert sich für Frauen in Führungspositionen. Welche Ideale sie als Jugendliche verfolgte und was der Fall der Mauer für Ihre Träume bedeutete, lesen Sie hier:

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Anke Domscheit-Berg 1990 (Selbstportraits aus ihrer Zeit als Kunststudentin); Fotos: privat

ANKE DOMSCHEIT-BERG: “Am 09. November 1989 studierte ich an der Fachschule für Angewandte Kunst in Schneeberg Textilkunst. Mein Traum vom Leben enthielt das Bild eines abgelegenen Bauernhofs im Oderbruch, wo ich als freie Künstlerin ein freies, unabhängiges und romantisches Leben führen wollte. Im Wendesommer kam das Studium jedoch an zweiter Stelle, Wende war wichtiger. Ich tippte nachts Aufrufe des Neuen Forum auf der Schreibmaschine meines Großvaters ab, schrieb Eingaben an das DDR Postministerium als das Glasnostjournal Sputnik verboten wurde, schrieb auch leidenschaftliche Protestbriefe an den Leiter eines Gefängnisses in Halle, in dem mein bester Freund schikaniert wurde.

Eines Tages fand ich mich mit der Stasi in einem Raum des Jugendreisebüros, wohin man mich mit einem fingierten Brief gelockt hatte, wurde wenig später von der Stasi allein in einen Wald gefahren und dort mit Bedrohungen und Zureden bearbeitet, um mich zur Kooperation bereit zu erklären. Ich hatte große Angst aber ließ mich nicht erpressen. Kunststudenten sind wahrscheinlich immer ein eher widerspenstiger, revolutionärer Haufen. Wir verdrängten die Angst, hatten klare Visionen von der Zukunft.

Wir wollten ein buntes, kreatives Land, in dem man gerne lebt!

Wir wollten einen dritten Weg gehen, einen demokratischen Sozialismus, ohne Mauer, ohne Stasi und ohne Zensur. Eine Gesellschaft, die menschenfreundlich ist und jedem Menschen gleiche Chancen einräumt, in der die Umwelt nicht sinnlos zerstört wird, Obdachlosigkeit ein Fremdwort ist und Kinder ein Reichtum sind. Eine Gesellschaft, die keine Diskriminierung der Geschlechter kennt und auch keine gegenüber Menschen anderer Herkunft oder unterschiedlicher Religionen. Wir wollten ein buntes, kreatives Land, in dem man gern lebt.

Am 09. November hörte ich die Nachricht vom Mauerfall im Radio. Mein erster Gedanke war ein trauriger – die Chance auf einen dritten Weg gab es nicht mehr. Am nächsten Tag überwog die Euphorie über die unbegrenzt scheinende unverhoffte Freiheit und ich tanzte in der Nacht des 10. November mit Hunderten Anderer auf der Mauer am Brandenburger Tor. Doch die Menschen auf der Strasse riefen bald nicht mehr „wir sind DAS Volk“ sondern „wir sind EIN Volk“, sie wollten die Wiedervereinigung und die D-Mark – 1990 hatten wir beides.

Frauen verschwanden aus “Männerjobs”

Mein Traum vom freiberuflichen Dasein war ausgeträumt. Für Kunst gab es im Osten keinen Markt mehr. Um mich herum verloren Verwandte und Freunde ihre Arbeit, wechselten Berufe. Gerade Frauen, die in der DDR durchaus auch frauenuntypische Berufe ausübten und zu über 90% in Vollzeit arbeiteten, verloren ihre Arbeit. Die Textilbranche verschwand fast vollständig, Frauen verschwanden zunehmend aus „Männerjobs“, Kranführerinnen waren out. Im Jahr 1990 passte ich meine Wünsche den Optionen an und war froh, einen Vertrag beim Verlag „Handarbeit“ als Mustergestalterin zu erhalten. Als ich Anfang 1991 das Studium abschloss, gab es den Verlag nicht mehr – mein Vertrag war damit hinfällig.

Ich ging auf der Chinesischen Mauer spazieren

Damals musste man vor allem flexibel sein, flexibel und mobil. In den zwei Monaten, die ich danach im Hause meiner Eltern verbrachte, lernte ich blind Schreibmaschineschreiben, packte meinen Koffer und zog zu einer Freundin meiner Mutter ins Rhein Main Gebiet. Arbeit suchen, Geld verdienen, überlegen, was nun aus mir werden soll. Konkrete neue berufliche Träume hatte ich nicht, die habe ich erst langsam neu entwickelt. Aber während ich für ein zweites Studium sparte und arbeitete, nutze ich die Gelegenheit zum Reisen.

Ich wollte endlich die Welt sehen, fremde Kulturen kennenlernen, Ozeane überqueren. Viele meiner damaligen Träume wurden in den nächsten Jahren wahr: Ich besuchte meine Freundin Melissa Colten in Boston, bewunderte den Teppich von Bayeux im Westen Frankreichs, ging auf der Chinesischen Mauer spazieren, wanderte durch versunkene Ruinenstädte im Urwald von Guatemala, erkletterte Vulkankrater in Japan und sass am Ufer des Rio Bio Bio in Chile. Manche Wünsche sind noch unerfüllt – aber ein Leben ohne offene Wünsche wäre auch langweilig.”

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