“Trau dich – Sag was”

Die Kongressteilnehmerin Juliane Cieslak ist in Seifhennersdorf aufgewachsen. “In dem kleinen sächsischen Grenzstädtchen war so gut wie nichts los”, erinnert sich die 29-Jährige. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin beschloss die damals 13-jährige, dass sich das ändern müsse und gründete kurzerhand die Jugendgruppe “Trau Dich – Sag was”. Diskussionen über Tierversuche, Müllsammeln im Wald, Streitgespräche mit Lehrern oder Städtereisen standen nun auf der Tagesordnung.  “Wahrscheinlich haben auch die Erlebnisse aus der Teenie-Zeit dazu beigetragen, mich besonders für Gruppenprozesse zu interessieren und Seminare und Gruppen anzuleiten”, sagt die heutige Sozialarbeiterin.

Juliane Cieslak arbeitet heute als Sozialarbeiterin und psychosoziale Beraterin in Potsdam und war Teilnehmerin auf dem IV. Kongress 2011 in Leipzig.

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Juliane Cieslak ist die bewusste Aufarbeitung ihrer ostdeutschen Vergangenheit wichtig (Foto: Alexander Altmann)

Juliane Cieslak: „Und was gibt’s für uns? Nie denkt jemand über uns nach …“, beschwerten meine Freundin und ich uns bei meiner Tante. Wir kamen gerade vom Gemeindenachmittag, an dem sich alle Interessierten über die Angebote für die Kirchgemeinde informieren und neue Gruppen ins Leben rufen konnten. Meine Freundin Susi und ich waren 13 und unzufrieden. In Seifhennersdorf, dem kleinen sächsischen Grenzstädtchen im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien, war so gut wie nichts los. Klar, hier gingen wir zur Schule, im Sommer konnten wir ins Freibad gehen, auch waren wir beide Leseratten und suchten regelmäßig die Bibliothek auf, ansonsten vertrieben wir uns die Zeit mit auf der Parkbank abhängen, im Ort rumlaufen oder Fernsehen. Auch in der Kirchgemeinde gab es keinen Platz für uns, waren wir doch zu alt für die Kindergruppe und zu jung für die junge Gemeinde.


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"Wir hatten eine Menge zu sagen" – Gemeinsam mit Freundinnen gründete Juliane Cieslak (rechts) im Jahr 1995 die Jugendgruppe "Trau dich - Sag was" (Foto: Privat)

Einen Monat später saß meine Klasse mit meiner Tante zusammen und diskutierte heiß über den Namen der Gruppe, die wir nun gründen wollten. „Trau dich“, nein „Sag was“ oder doch „die coole Gruppe“ – schließlich nannten wir uns „Trau dich – Sag was“, kurz „TDSW“. Wir hatten scheinbar eine Menge zu sagen und eine Reihe voller spannender und kreativer Treffen vor uns liegen – neben Nachmittagen, an denen wir über Tierversuche diskutierten oder mit der Umweltgruppe Müll im Wald sammelten, luden wir auch unseren umstrittenen Mathelehrer ein, um mit ihm über spirituelle Fragen zu diskutieren, betätigten uns kreativ beim Gipsmasken bauen, beschäftigten uns mit Fragen zu uns selbst und gingen zusammen auf Reisen.

Die Städtereisen nach Berlin und Breslau/Wroclaw waren Highlights für uns – sie führten uns in spannende Großstädte und in eine Welt, die wir bisher noch nicht kannten. Am wichtigsten war uns aber, dass wir jenseits von dem öden Schulalltag so viel Zeit miteinander verbringen, einer Gruppe angehören und uns endlich mit Dingen beschäftigen konnten, die uns wirklich interessierten.

Zurück zu Hause erstellten wir eine Fotoausstellung, bei der die Besucherinnen und Besucher einen Einblick in unsere ganz persönlichen Entdeckungen bekamen. Aus der Gruppe „TDSW“ entstanden viele weitere Projekte im Ort: die Schülerzeitung des Gymnasiums Seifhennersdorf, eine Film und die legendäre Türkeigruppe, die zusammen mit dem Fabrikbesitzer vor Ort Schüleraustausche zwischen Seifhennersdorf und Uenye, seiner Heimatstadt in der Türkei, organisierte.

Inzwischen bin ich 29, lebe in Potsdam, arbeite als Sozialarbeiterin und Counselerin und denke mit großem Dank an meine Tante zurück, die sich so sehr für unsere Ideen eingesetzt hat. Wahrscheinlich haben auch die Erlebnisse aus der Teenie-Zeit dazu beigetragen, mich besonders für Gruppenprozesse zu interessieren und Seminare und Gruppen anzuleiten.

Die Counseling-Methode hat sich unter anderem als sehr unterstützend herausgestellt, sich dem Thema Ostdeutschland anzunähern. Durch das gegenseitige Zuhören und Erzählen von biographischen Ereignissen und das Entlasten von Gefühlen hierzu können emotionale Blockaden gelöst und die eigene Sozialisation besser verstanden werden. Auf diese Art und Weise können Ziele und Projekte leichter umgesetzt werden. Ich bin gespannt, was die neue Bewegung der Ostdeutschen zu bewirken wird und wie ich mich da mit meinem Wissen über emotionale Prozesse einbringen kann.”

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