Studie 2011

"Mehr Raum für starke Frauen!"

 

Die ostdeutschen Bundesländer zeigen schon heute, wie der demografische Wandel durch kreative und unkonventionelle Handlungsmodelle zu bewältigen ist. Denn trotz aller Herausforderungen bieten die schrumpfenden Regionen besondere Chancen und Raum für ungewöhnliche Ideen. Insbesondere Frauen nutzen die Veränderungsprozesse und werden zu wichtigen Schlüsselpersonen in der Gestaltung der Gesellschaft von morgen: Sie knüpfen starke Netzwerke, tragen soziale Verantwortung und begegnen bürokratischen Hürden mit unkonventionellen und kreativen Lösungen.

 

Die Erkenntnis, dass es dabei auf das Engagement jeder einzelnen Frau ankommt, motiviert vor allem "Rückkehrerinnen": Qualifizierte junge Frauen, die nach Ausbildung oder Studium zurück in ihre Heimatorte kehren und mit neuen Ideen das Ruder übernehmen. Ältere Frauen spielen in den Neuen Bundesländern vor allem in Politik und Verwaltung eine bestimmende Rolle.

 

Das sind in die wichtigsten Ergebnisse der Studie "Mehr Raum für starke Frauen", für die 371 Frauen in den Neuen Ländern im Rahmen einer Online-Umfrage befragt wurden, davon 250 Frauen aus ländlichen Regionen und Klein- und Mittelstädten. Darüber hinaus stellt die Studie14 Frauen in Porträts vor, die mit ihren Projekten und Unternehmen in unterschiedlichen Wirtschaftsbranchen und Gesellschaftsbereichen direkt auf den demografischen Wandel reagieren und positive Veränderungsprozesse vorantreiben. Die Studie wurde im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer von der pme Familienservice GmbH realisiert.

 

Not macht erfinderisch – Innovationsvorsprung Ost

 

Ausgerechnet in Regionen wie zum Beispiel der Prignitz oder der Uckermark, denen nach rein ökonomischen Kriterien keine große Zukunft vorausgesagt wird, leben besonders kreative Frauen. „Not macht erfinderisch" könnte die passende Antwort sein: Zahnärztin Dr. Kerstin Finger fährt mit ihrer "Praxis auf Rädern" durch die Dörfer in der Uckermark und behandelt ältere Patienten in deren eigenen vier Wänden. Innenarchitektin Christina Tast inszeniert alljährlich Opernvorstellungen in Klein Leppin: Darsteller sind neben Profimusikern die Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes, Spielort ein ehemaliger Schweinestall. Jana Reiche gründete in der 220-Seelen-Gemeinde Baek in der Prignitz erfolgreich eine Schule nach reformpädagogischem Konzept. Iris Feldmann ist Projektleiterin der Bioenergie Region Ludwigsfelde, deren Ziel ist es, Energieprojekte mit viel Bürgerbeteiligung anzustoßen und umzusetzen (z.B. Biogasanlagen, Windkraft).



Frauen nehmen wichtige Schlüsselfunktionen ein

 

Unsere Onlinebefragung zeigt: Die Frauen, die in ihren Heimatorten bleiben, zeichnen sich durch ein erstaunlich hohes Verantwortungsbewusstsein aus. Sie übernehmen das Ruder in den Verwaltungen oder in der Kommunalpolitik, gründen eigene Firmen oder investieren in soziale Infrastruktureinrichtungen (Dorfläden, Schulen, Kitas). Statistische Werte zeigen: Fast die Hälfte (45%) der Führungskräfte im öffentlichen Dienst der neuen Bundesländer sind weiblich, manche Kreisverwaltungen oder Kommunalverwaltungen sind fest in Frauenhand. In den Landkreisen Ludwigslust, Nordwestvorpommern und Rügen regieren inzwischen mehr Bürgermeisterinnen als Bürgermeister. Die Gründe dafür liegen in der guten Ausbildung, der kontinuierliche Erwerbsbeteiligung und der durch die Wendeerfahrung gewonnenen beruflichen Flexibilität der Frauen.

 

Kreativ und unkonventionell

 

Gerade in Dörfern und Regionen, wo die Nachfrage sinkt und das Angebot sich ausdünnt, sind unkonventionelle Lösungen gefragt. Bürokratie und starre Standards sind von gestern, Eigeninitiative, Engagement und Kooperation werden immer wichtiger. Lebensqualität ist meist nur dann aufrecht zu erhalten, wenn man sich gegenseitig hilft, z.B. wenn die Sparkassenfilialleiterin sich mit dem Dorfladen und der Verkehrsgesellschaft zusammen tut. Funktionierende Netzwerke sind „mindestens die halbe Miete" für ein gelingendes Leben auf dem Land. Frauengeführte Projekte bestätigen den Vernetzungsansatz, ob zum Beispiel bei regionaler Kooperation in der Direktvermarktung, gemeinschaftlich aufgebauten Bildungsangeboten, Bürgerstiftungen, Bürgerläden, Bürgerbussen. Frauen organisieren kulturelles Leben und machen sich gemeinsam stark für Bildung und Mobilität. „Frauen halten den Laden am Laufen", das ist besonders wichtig, denn funktionierende soziale Beziehungen und Netzwerke sind der wichtigste Standortfaktor für ländliche Regionen.

 

 

Potenziale der Rückkehrerinnen nutzen

 

Ein weiteres Ergebnis der Onlinebefragung bestätigt: Immer noch verlassen viele jungen Frauen die schrumpfenden Regionen für ein Studium oder die Ausbildung. Jedoch, die Dagebliebenen bedauern das kaum. Denn: Nicht alle, aber einige der jungen Frauen, die abgewandert sind, kommen mit hervorragenden Ausbildungen, neuem Elan und mit einem anderen Blick auf ihre Heimat zurück. Sie haben ihren Blick geweitet und möchten nun in ihrer Heimat etwas bewegen. Ihre sehr guten Qualifizierungen machen sie zur wichtigen Ressource für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer. Und ihnen ist bewusst, dass es auf sie ganz persönlich ankommt, wenn sich in der Heimat etwas verändern soll. Auf die Impulse dieser Rückkehrerinnen kann zukünftig nicht verzichtet werden.

 

 

Sieben Typen von Landfrauen

 

Neben den Rückkehrerinnen definiert die Studie sechs weitere Typen von Frauen, die in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer leben:

 

  • Die "Experimentierfreudigen": Meist ehemalige Stadtbewohnerinnen, die mit Familie und/oder Freunden bewusst aufs Land ziehen und den Freiraum und das Unvollkommene im Vergleich zur Großstadt schätzen.
  • Die „Unerschütterlichen": Sie meistern die Schwierigkeiten, die das Leben in den ländlich geprägten Regionen mit sich bringt, denken nicht ans Weggehen, sondern machen das Beste aus ihrem Alltag.
  • Die „Skeptikerinnen" sind auf dem Land groß geworden und wollten so schnell wie möglich weg oder sind Großstadtkinder, die sich nie vorstellen konnten, in einem Dorf zu wohnen. Plötzlich ändern sich die Lebensumstände und sie ziehen mit oder ohne Familie aufs Land. Anfangs skeptisch bis frustriert, gewöhnen sie sich schnell ein und sind überrascht, wie viel mehr ihnen das Landleben zu bieten hat.
  • Die „Lebenskünstlerinnen" setzen bewusst einen Kontrapunkt zum durchökonomisierten Stadtleben und nutzen die kreativen Freiräume und persönlichen Kontakte, die sich ihnen auf dem Land bieten. Ihre Tätigkeiten mögen finanziell wenig lukrativ sein, aber die hohe Lebensqualität entschädigt sie.
  • Die "Heimatverbundenen" haben meist ihr ganzes Leben in der ländlich geprägten Heimat verbracht und identifizieren sich stark mit der Region. Sie sind sehr mit Familie und Freunden vor Ort verbunden. Ihre Aufgabe sehen sie darin, das Leben in der Heimat am Laufen zu halten. In der Regel sind sie wirtschaftlich „angekommen", haben relativ sichere Jobs, sind aber auch mit einem kleinen Gehalt zufrieden.
  • Und zuletzt die "Pendlerinnen" die sich auf dem Land so wohl fühlen, dass sie ihren Wohnort selbst für einen guten Arbeitsplatz nicht wechseln möchten und teilweise sehr weite Pendelstrecken in Kauf nehmen. Ihr Alltag funktioniert, weil er gut organisiert ist.

 

Vielfältige Lebenswege – Frauen bewegen was!

 

Die Schwierigkeiten des Lebens in den abgelegenen, dörflichen oder kleinstädtischen Räumen der neuen Bundesländer können nicht geleugnet werden. Dies kommt auch in unserer Befragung immer wieder zum Ausdruck. Doch diese Schwierigkeiten begreifen die Frauen als Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Energie und Kreativität ziehen die Frauen aus ihrer Verbundenheit mit der Natur, der Heimat und den Menschen vor Ort. Sie setzen sich dafür ein, dass auch die zukünftigen Generationen in den Dörfern und Kleinstädten eine Lebensgrundlage für sich sehen. Damit tragen sie – oft im kleinen lokalen Kontext – zur positiven regionalen Entwicklung bei und zeigen heute schon, wie der demografische Wandel zu bewältigen ist. Sie gehen oft ganz neue, unkonventionelle Wege und entwickeln Konzepte, die wegweisend sind für die Gesellschaft von morgen. Die Innovationskraft dieser Konzepte kann gar nicht unterschätzt werden.