Studie 2010

„Das volle Leben! Frauenkarrieren in Ostdeutschland"
 

Die Ergebnisse der aktuellen Studie "Das volle Leben! Frauenkarrieren in Ostdeutschland" wurden am 04.11.2010 in Leipzig auf dem III. Kongress "Frauen machen Neue Länder – Frauenkarrieren in Ostdeutschland" vorgestellt. Die Studie wurde im Auftrag des Beauftragten der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer in Kooperation mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von der pme Familienservice GmbH realisiert.

 

Susanne Dähner (Foto) und Uta Bauer präsentieren die Studie "Das volle Leben! Frauenkarrieren in
Ostdeutschland" im Rahmen des III. Kongresses "Frauen machen Neue Länder" am 4. November 2010
im Mediencampus der Villa Ida in Leipzig (Foto: Sylvie Weisshäupl)

 

Ostdeutsche Frauen und ostdeutsche Männer bleiben dabei: Berufliche Entwicklung beider Partner und Kinder gehören zum gemeinsamen Lebensglück. Das ist ein zentrales Ergebnis der Studie „Das volle Leben! Frauenkarrieren in Ostdeutschland". Damit haben Frauen und Männer in den Neuen Ländern einen Gleichstellungsvorsprung: Männer sind damit aufgewachsen, dass Frauen vollberufstätig und Kinder selbstverständlich sind. Diese Normalität zeichnet die ostdeutschen Partnerschaften aus.

 

Frauen in den Neuen Ländern halten unbeirrt an ihrer hohen Erwerbsneigung fest. Ob allein erziehend oder in Partnerschaft lebend: Jede zweite erwerbstätige Frau in den Neuen Ländern mit jüngstem Kind unter 15 Jahren arbeitete im Jahr 2008 in Vollzeit, doppelt so viele wie in den alten Bundesländern (Vollzeitquoten von Müttern 2008: Ost 53%, West 22%).
 Das liegt vor allem daran, dass die Akzeptanz des gesellschaftlichen und unternehmerischen Umfelds für das berufliche Engagement von Frauen, auch wenn sie Mütter sind, in den Neuen Ländern deutlich höher ist als in den alten Bundesländern.

 

Diese Akzeptanz erleichtert Frauen in den Neuen Ländern den Einstieg in Führungspositionen. 2008 besetzten Frauen hier 30% der Führungspositionen, in den alten Bundesländern 24% (SÖSTRA 2009). In der Breite haben Frauen in den Neuen Ländern außerdem deutlich eher die Chance, auch als Mutter eine mittlere Führungsposition zu besetzen. Generell können Führungsfrauen in Ostdeutschland private Lebensziele leichter verfolgen und das „volle Leben" mit Karriere, Kind und Partnerschaft verwirklichen. Die Vereinbarung von beruflicher Karriere und Familiengründung ist gesellschaftlich anerkannt. Für Mütter, die ambitioniert eine Berufslaufbahn verfolgen, entfällt der Rechtfertigungsdruck gegenüber dem privaten und beruflichen Umfeld.



Ostdeutsche Führungsfrauen haben öfter Kinder

 

Es ist anzunehmen, dass dies der Grund dafür ist, dass weibliche Führungskräfte in den Neuen Ländern wesentlich häufiger Familie und Kinder haben als in den alten Bundesländern: 70% der ostdeutschen Managerinnen aber nur 36% der westdeutschen haben ein oder zwei Kinder (Sekundäranalyse Wippermann 2010). Dieser dramatische Unterschied zeigt deutlich, dass Frauen in den Neuen Ländern sich nicht auf ein einseitiges Lebensmodell festlegen müssen. In den alten Bundesländern sehen sich Frauen viel eher mit einer Entscheidung zwischen Kind und Karriere konfrontiert. Im Westen sind mit 22% doppelt so viele Frauen, die zwischen 1964 und 1968 geboren wurden, kinderlos (Ost 11%) (IW Köln 2009). Ein weiterer signifikanter Unterschied ist, dass ostdeutsche Führungsfrauen wesentlich häufiger verheiratet sind (Ost 61%, West 47%). „Nur" 23% von ihnen leben ohne Partner (West 31%). (Sekundäranalyse Wippermann 2010).


Die Ehe scheint für Frauen im Osten eher karrierefördernd, im Westen eher bremsend zu sein. Bemerkenswert ist dies insofern, als dass im Osten weniger geheiratet wird und mehr Kinder in unverheirateten Partnerschaften zur Welt kommen. 2009 wurden in den Neuen Ländern 61% der Kinder ohne Trauschein geboren (West 26%).

Gleichzeitig bringen Führungsfrauen im Osten Deutschlands früher Kinder zur Welt. Im Durchschnitt hatten 2008 Frauen in Führungspositionen in den Neuen Ländern ihr erstes Kind im Alter von 23 Jahren geboren. Damit unterscheiden sie sich nicht von anderen angestellten Frauen in der ostdeutschen Privatwirtschaft. Beruflicher Aufstieg erfolgt parallel zur Familienverantwortung und nicht zeitlich versetzt – ein Indiz für die besseren Vereinbarkeitsmöglichkeiten in den Neuen Ländern. 
Junge Frauen in Ostdeutschland tragen diese Einstellungen weiter in die kommende Generation: Das zeigt u.a. die für die vorliegende Studie erstellte Extraauswertung der Brigitte Studie „Frauen auf dem Sprung – Das Update" (2009) nach Ost- und Westdeutschland: Nur 16% der ostdeutschen Frauen bestätigen die Aussage: „Für meine Kinder würde ich 
aufhören zu arbeiten". Mehr als doppelt so viele westdeutsche Frauen (37%) wären dazu bereit. Nur 24% der befragten ostdeutschen Frauen zwischen 17 und 29 Jahren sind bereit, für ihre Partnerschaft Einkommensverluste hinzunehmen (West 43%). Diese sehr unterschiedlichen Vorstellungen schlagen sich machtvoll in den gelebten Realitäten nieder.

 


Gleichberechtigte Partnerschaften sind im Osten der „Normalfall"

 

Der Anteil der Haushalte, in denen beide Partner ungefähr gleich viel zum Haushaltseinkommen beitragen, ist in den Neuen Ländern mit 44,5% fast doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern mit 27,9%. Egalitäre Einkommensverhältnisse sind viel eher die Norm. Die historisch gewachsenen Familienmodelle haben in den Neuen Bundesländern auch nach 20 Jahren Deutscher Einheit weiterhin Bestand. Entscheidend ist, dass sich die Rollen des männlichen „Familienernährers" und der „Hausfrau" in den Wunschvorstellungen der Menschen in den Neuen Ländern praktisch nicht wieder finden. Die Realität bestätigt dies: Im Osten Deutschlands ist in fast 60% der Familien der Mann nicht der Haupternährer. Im Westen bringen immer noch 61,5% der Männer den Hauptteil des Haushaltseinkommens ein – das hat normative Auswirkungen (Klenner, Klammer 2008).

In den Neuen Bundesländern trugen 2006 in knapp 15% der Paarhaushalte Frauen als „Haupternährerinnen" mehr als 60% zum Haushaltseinkommen bei (West 10,6%) (Klenner, Klammer 2008). Zum Teil ist das der schwierigen Arbeitsmarktsituation geschuldet: 42% der ostdeutschen Familienernährerinnen leben mit einem Partner zusammen, der arbeitslos ist. 
Die hohe Berufsorientierung, die solide berufliche Qualifikation und die trotz Brüchen und Veränderungen fortlaufenden Berufsbiografien ostdeutscher Frauen liefern weitere Gründe. Einem Wunschtraum entspricht dieses Lebensmodell jedoch nicht. Laut unserer Online-Befragung wünschen sich nur 1,8% der Frauen, Ernährerinnen ihrer Familien zu sein.

 

Männer in den Neuen Ländern sind partnerschaftlicher

 

Männer in den Neuen Ländern sehen die Berufstätigkeit der Frauen als selbstverständlich an und unterstützen sie. Ein Rückblick ins Jahr der Wiedervereinigung liefert dazu interessante Ergebnisse: 70% der ostdeutschen Väter mit Kindern unter zehn Jahren waren 1990 der Meinung, dass ihre Frauen die gleichen beruflichen Chancen haben sollen wie sie und deswegen Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung auf beide Partner gleichermaßen aufgeteilt werden muss. Nicht einmal die Hälfte der westdeutschen Väter (46%) stimmte dieser Aussage zu. Ein Viertel der Väter in den alten Bundesländern lehnte dies sogar gänzlich ab (Deutsches Jugendinstitut 1990). Dass die Unterschiede im Rollenverständnis ost- und westdeutscher Männer bis heute existieren, zeigt ein weiteres Ergebnis der Extraauswertung der Brigitte-Studie 2009: Knapp 25% der westdeutschen jungen Männer, doppelt so viele wie im Osten Deutschlands (12%) streben noch immer das konservative männliche Ernährermodell an.

Trotz ihrer stärkeren beruflichen Einbindung verbringen kinderlose, in Partnerschaft lebende Frauen in den Neuen Bundesländern fast exakt genauso viel Zeit mit unbezahlten Haushaltstätigkeiten wie Frauen in den alten Ländern (Ost 4:06 Stunden, West 4:07 Stunden am Tag). Jedoch: Mit durchschnittlich 3:25 Stunden engagieren sich die ostdeutschen Männer merklich stärker als die westdeutschen Männer im Haushalt (West 2:44 Stunden) (Wengler et al. 2008). Der Gleichstellungsvorsprung der Neuen Länder schrumpft allerdings, sobald Kinder geboren werden. Dann schleichen sich sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern klassische Muster der Aufgabenverteilung ein. Mit einem wesentlichen Unterschied: Westdeutsche Männer sehen ihre Frauen in der Pflicht der Kindererziehung, ostdeutsche Männer setzen auf externe Betreuungsangebote.

 

Die ostdeutschen Frauen haben in den 20 Jahren der deutschen Einheit gezeigt, dass sie an einem selbstbestimmten Leben festhalten. Sie möchten auf nichts verzichten, sondern leben ein volles Leben mit Beruf, Partner und Kindern. Die Generation der jungen Frauen in den Neuen Ländern trägt dieses „kulturellen Erbe" weiter. Sie haben Männer an ihrer Seite, die sie unterstützen. Auch wenn Kinder geboren werden, wünschen sich ostdeutsche Männer keine Hausfrau als Partnerin. Ostdeutsche Führungsfrauen prägen durch die selbstverständliche Vereinbarkeit von beruflichen Erfolg und Familienleben die Unternehmensstrukturen und damit die Arbeitswelt von morgen.

 

Online-Umfrage zur Studie

 

Auch in diesem Jahr begleitet eine neue Studie den Kongress. Im Rahmen der Studie wird gefragt: Warum besetzen in den Neuen Ländern  mehr Frauen Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft als im Westen des Landes? Welche Rolle spielt Partnerschaft - im Privaten, in Unternehmen, in der Gesellschaft - bei der Karriereplanung von Frauen.

 

Dazu interessierte uns auch Ihre Meinung! Herzlichen Dank für Ihre zahlreiche Teilnahme an der Online-Umfrage zur Studie!

655 (hauptsächlich) Frauen aus Ost und West nahmen bis zum 15. Ausgust 2010 an der Umfrage teil.