"Meine stärkste Antriebskraft: Neugier!"

Dr. Jeannette Drygalla ist vor allem eins: facettenreich. Sie ist Mediatorin, Konfliktberaterin und Mentorin. Und sie ist Sozialforscherin mit Leidenschaft. Nach Stationen in Leipzig, Halle und Merseburg ist sie seit 2012 an der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena als Dozentin für Mädchen- und Frauenarbeit tätig. "An der Fachhochschule Jena habe ich eine sehr gute Arbeitsatmosphäre vorgefunden, die mich bei meiner Arbeit unterstützt ", sagt die Forscherin. Wir haben Jeannette Drygalla gefragt, warum sie sich gerade für Jena entschieden hat.

FMNL: Was macht Thüringen bzw. Jena als Wissenschaftsstandort besonders attraktiv?


Jeannette Drygalla: Ich bringe Erfahrungen aus vielfältigen Kontexten, verschiedenen Einrichtungen und Bundesländern mit: Gelernt, geforscht und gelehrt habe ich an Universität und Hochschule, an außeruniversitären Einrichtungen und frei beruflich.

 

Ich habe also eine breite Vergleichsbasis: Ich habe an der Fachhochschule Jena eine sehr gute Arbeitsatmosphäre vorgefunden, die mich dabei unterstützt, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Ich habe dort engagierte Studierende, die gerne in Jena studieren und bin auf Offenheit im Kreis der Kolleginnen und Kollegen am Fachbereich für Sozialwesen getroffen. An der Stadt und den Menschen in ihr ist mir besonders das freundliche und sehr aufgeschlossene Suchen nach Wegen und nach Lösungen statt nach Hemmnissen aufgefallen.

 

Sie haben sich für eine wissenschaftliche Karriere entschieden. Wie war Ihr Weg dorthin?


J.D.: Holprig, mit Höhen und Tiefen, mit Stolpersteinen und lichten Momenten, Erfolgen und Niederlagen, mit steilen Anstiegen und vielen Verzweigungen. An einigen dieser Weggabelungen galt es sich zu entscheiden. An anderen hing die Entscheidung sehr von strukturellen Gegebenheiten ab.

 

Ich bin zunächst über mein Diplomstudium als Wirtschaftswissenschaftlerin beruflich sozialisiert, habe während des Studiums in Halle und Leipzig Interdisziplinarität gesucht und mich in Richtung Sozialwissenschaften orientiert. Promoviert habe ich am Fachbereich für Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität. Mein Weg in die wissenschaftliche Laufbahn hat mich also über Interdisziplinarität geführt. Als meine stärkste Antriebskraft zum Überwinden der Stolpersteine einer wissenschaftlichen Laufbahn würde ich Neugier bezeichnen. Aber ohne Unterstützung, die ich sowohl von Institutionen als auch von Einzelpersonen bekommen habe, wäre das nicht möglich gewesen.

 

Die Frage nach dem „Weg dorthin" impliziert, dass das Ziel nun erreicht sei: Das kann ich für mich so nicht formulieren. Dieses stetige Werden und Weiterwandern ist eine große Chance, die mit der Laufbahn von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verbunden ist. Die damit einhergehenden oftmals unsicheren Arbeits- und damit Lebensbedingungen sind nicht immer leicht auszuhalten.

 

Stichwort "Karriereknick nach der Promotion". Warum ist es Ihrer Meinung nach für Frauen so schwer, eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen?

 

J.D.: Die Situation der immer wieder befristeten Stellen und damit verbundenen Wechsel ist familienunfreundlich und führt dazu, dass vor allem für Frauen oftmals die Entscheidung für Kinder ODER Karriere zu fällen ist. Um das zu verändern, braucht es eine Hochschul- und Familienpolitik des „sowohl als auch" statt des „entweder oder". Das meint sowohl Arbeit als auch Familie und zwar sowohl für Väter als auch für Mütter. Dies bezieht ebenso alternative Familienmodelle ein. Um aber an dem geschlechtsbezogenen Ungleichverhältnis bei der Stellenbesetzung etwas zu ändern, greift Familienpolitik nicht weit genug. Hier braucht es gezielte Instrumente oder Stellschrauben, die den Status Quo deutlich in Richtung Chancengerechtigkeit verändern.

 

Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen als den, den ich gerade ausübe. Eine wunderbare Verbindung aus all den Dingen, die Freude machen: Lesen, schreiben, forschen, denken, diskutieren, bewegen. Aber die Chancen genau das zu tun, müssen gerecht verteilt sein.