"Wie ich mich kreativ durchs Leben rette"

Ariane Jedlitschka ist Mutter und konzipiert eigenständig interdisziplinäre Kunstprojekte und stellt damit das Nebeneinander der Dinge in Frage. Im Westwerk Leipzig betreibt die 31-jährige die Kunstgalerie EEG. 2010 wurde ihr Unternehmen hybrid art lab in einem bundesweiten Wettbewerb zu einem der 32 „Kultur- und Kreativpiloten Deutschlands" gekürt. Im Verein „Helden wider Willen e.V." engagiert sich die Leipzigerin für einen freien Zugang zu Wissenschaft, Kultur und Bildung. Ihr aktuelles Projekt ist ein europäisches Bildungs- und Filmprojekt: "Supermom Kick-Off" findet derzeit in fünf europäischen Ländern statt und fördert die Sichtbarkeit alleinerziehender Eltern und ihrer Kinder in den Medien.

 

Ariane Jedlitschka und Matthias Petzold auf dem 1. Netzwerktreffen in Leipzig  im Rahmen ihres
neuen Vernetzungsprojektes UTOPIA ATTRAKTOR


ARIANE JEDLITSCHKA: Wie ich mich kreativ durchs Leben rette.

Ich war Guttenberg! Ich kopierte aus Angst zu Versagen.
Ich kaufte mir was ich nicht konnte. Ich war erwachsen.

… Ich sage zu meinem Sohn dennoch: „Das Geld liegt auf der Straße!". Wir sitzen auf dem Fußboden im Badezimmer und spielen, gemeinsam mit seiner Spielkonsole, die er erst letztlich zu Weihnachten bekam. Ein Geschenk für ihn. Ein Geschenk für uns? Ich frage mich: „Was sollte ich ihm lernen, was könnte ich ihm raten, was mitgeben; wenn er sich seine Taler auf dem Weg zu den großen Kämpfen sammelt?"


Das war nicht die richtige Frage! "Was lerne ich daraus, um weiterzukommen?"


Ich beobachte meinen Mann, wir sind nicht verheiratet. Ich liege in der heißen Badewanne, ich denke. Ich beobachte ihn dabei wie er das Aquarium reinigt. Er greift in das Wasser. Er holt aus dem Schwarm einen kleinen Fisch heraus. Er nimmt ihn zwischen seine großen Finger. Er drückt ihn fest zusammen. Ich lache laut. … XXX … XX … XXX … Leicht unangemessen wirkt das schon … , he, … keine Sorge.


Ich bin jetzt selbstständig! Ich erkenne sie langsam. Meine neue Moral. Ich verhalte mich wie ein typischer Junge. Das erste Mal in meinem Leben verhalte ich mich nicht wie ein typisches Mädchen. Ich war so Eine. Eine die sich verklärt, sich romantisiert, die sich zurückhält; im richtigen Moment spricht, die sich unterbuttert, die sich selbst verwirrt.


Natürlich frage ich mich angesichts des kleinen armen Fisches: Warum bin ich nicht erschüttert?


Ich bin selbstständig?


Er wird gerade Vegetarier. Er hat seit 30 Jahren täglich Fleisch gegessen. Warum sollte ich da erschüttert sein? Wegen dem toten Fisch in seiner Hand?


Er ist Vegetarier. Ich bin eine Frau. Ich liege in der heißen Badewanne, ich nehme eine Gesichtsmaske. Ich rasiere mir die Beine. Ich übernehme mich gern.


Könnte auch ich mich verwandeln. Könnte ich mich verlassen? Alles austauschen, weggehen? Alles könnte ich tun! Jetzt! Ich könnte Kind sein! Ich sammle mir das Geld auf der Straße. Ich lache, ich weine und rede mit jedem über das was ICH will! ICH bin dabei! Ich streite, ich diskutiere. Ich gehe ohne schlechtes Gewissen ins Bett und ich ich ich bin frei zu tun was ich wöllte!


Ich schließe diesen Text mit einem Zitat von Stéphane Hessel, dem 93-jährigen Rebell der Stunde in Frankreich und dem Gewissen der westlichen Welt.


„Den Männern und Frauen, die das 21. Jahrhundert gestalten werden, rufe ich aus ganzem Herzen und in voller Überzeugung zu:


Neues schaffen heißt
Widerstand leisten.
Widerstand leisten heißt
Neues schaffen."


Warum nicht den Brüdern und Schwestern? Frage ich mich.